Reportage TK aktuell_2020_12_14

Mit Leib und Seele für Tiere

Tamara Wetli, eine begabte und kreative Tierkinesiologin, inmitten ihrer anspruchsvollen Ausbildung. Nach einer Menge Höhen und Tiefen, zwei Burnouts und jahrzehntelanger Erfahrung als zertifizierte Informatikerin findet sie etwas, das Mensch und Tier auf einer spirituellen Ebene näher zusammenbringt und bei beiden alte Wunden heilt, so dass es wieder möglich wird, die Gegenwart voller Freude genießen zu können.

Saphira Burri

Angenehme Wärme strömt wie eine sanfte Welle durch die offene Tür, die direkt an den Arbeitsplatz der engagierten und sympathischen Tierkinesiologin Tamara Wetli führt. Eine friedliche Atmosphäre heisst einen im gemütlichen und heimelig eingerichteten Therapieraum willkommen. Vom Radio auf der Holzkommode erklingt leise, beruhigende, ein wenig meditative Musik. Die Einrichtung des Raums ist von vorne bis hinten durchdacht und jeder einzelne Gegenstand hat seinen bestimmten, praktisch angelegten Platz, keiner ist überflüssig und trotzdem wirkt die Einrichtung nicht perfektionistisch. Ein volles Bücherregal mit grossen, kleinen, dicken und dünnen Fachliteraturbüchern nimmt neben dem Eingang weiteren Raum ein. Die Bilder an der Wand sind nach Chakren geordnet, zwei kleine, plastifizierte Menschenskelette stehen auf einem Gestell in der Meditationsecke. Auf dem Tisch befinden sich leere Gläser und eine Schüssel mit süssen, farbigen Bonbons.

Kein einziges Anzeichen, dass Tamara Wetli in dieser Praxis mit Tieren arbeitet. Das tut sie auch nicht. Ein Muskeltest, das zentrale Instrument der Tierkinesiologie, wird mit einer für das Tier stellvertretenden Person durchgeführt, der sogenannten Surrogatperson. In den meisten Fällen übernimmt der Halter oder die Halterin diesen Platz. Mit Hilfe des Muskeltests wird nach Belastungen oder Blockaden im Körper geforscht und es wird ermittelt, mit welcher Behandlung diese aufgelöst werden können. Die Tierkinesiologie geht davon aus, dass psychische Störungen und die Ernährung den Energiefluss des Körpers und damit die körperliche und geistige Gesundheit beeinflussen. Die kinesiologischen Muskeltests widerspiegeln den Zustand der Meridiane, den Energiebahnen des Körpers. Dieser Effekt wird damit erklärt, dass alle von Lebewesen gemachten Erfahrungen im Nervensystem und Zellgedächtnis gespeichert werden. Um mit einer Surrogatperson zu arbeiten, reicht im Falle der Tierkinesiologie die Angabe des Geschlechts, des Namens, ein Stück Fell oder ein Foto des Tieres und ob dieses kastriert bzw. sterilisiert ist.

Tamara Wetlis Therapieraum
(Quelle: Saphira Burri)

Kinderträume

«Schon als kleines Kind war meine Beziehung zur Natur sehr eng. Mein Traum war es, eigene Pferde zu halten, was ich mir vor langer Zeit tatsächlich ermöglichen konnte».  Tamaras Kindheit führt uns nach Nordamerika. Ihr Vater stammt von den Uhreinwohnern ab, was einen Einfluss auf ihre innersten Wünsche haben mochte. Nach dem Umzug in die Schweiz stieß sie während ihrer Entwicklungsjahre bei den meisten Menschen auf wenig Verständnis für ihr Verlangen, Schamanin oder Heilerin zu werden. Vielmehr legten ihre Bezugspersonen Wert auf Gutbürgerlichkeit und Wohlstand, was dazu führte, dass Tamara Wetli am Ende ihres Studiums als Informatikerin ihren Lebensunterhalt verdiente.  Dreissig Jahre übte Tamara Wetli diesen Beruf aus, über den sie im Rückblick sinniert: «Etwas fehlte in meinem Leben».

Herausforderungen

Tamara Wetli hat alle nötigen Informationen über Max, einem ihrer vierbeinigen, pelzigen Patienten, beisammen und beginnt nun gezielt Fragen zu stellen, deren Antworten sie via Muskeltonus erhält. Sie ist ganz in ihre Arbeit vertieft, ihre ganze Energie und Aufmerksamkeit widmet sie ihrem Gegenüber. Schon wenige Minuten später weiss sie über den Kater Max Bescheid. Dieser Prozess verläuft nicht immer so unkompliziert.  Nicht alle Tiere lassen sich so einfach erfassen. «Manche Halter sind aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, Surrogatperson für ihr Tier zu sein, weil sie selbst Themen haben.» In diesem Falle hat Tamara Wetli Alternativpersonen, welche sie anfragen kann. Eine grosse Spannweite der mentalen Offenheit der Tiere ihr gegenüber ist ebenfalls kaum zu vermeiden, denn -von Pferd bis Wellensittich- Tamara Wetli ist bereit, jedem Tier zu Hilfe zu eilen.

Oftmals übernehmen Tiere Energien der haltenden Person, weshalb oft eher diese eine Behandlung bräuchten. « Ich ziehe einen klaren Strich; wenn jemand wegen einer Tierbehandlung zu mir kommt, hat die Betreuung des Tieres erste Priorität. Komme ich aber zum Schluss, dass das eigentliche Problem bei dem Halter oder der Halterin liegt, teile ich dies mit und behandle ihn oder sie, wenn sie dies möchten und mir die Erlaubnis dazu geben.» Es bestehe immer eine Chance, dass das Leiden des Tieres sie selbst belaste und sie grübeln lasse, meint Tamara Wetli in Gedanken vertieft. Dies ist eine weitere Herausforderung, der sich eine Tierkinesiologin gegenübersieht: Sie muss trotz des hohen Masses an Mitgefühl, das sie den Beschwerden der Klienten und Klientinnen entgegenbringt, genügend Abstand wahren und sich innerlich abgrenzen.

Ein neuer Weg

Eine Sinnkrise, ausgelöst durch den Tod ihrer Schwester, führte Tamara Wetli deutlich vor Augen, dass der bisher eingeschlagene, von ihrem Umfeld vorgezeichnete Weg, nicht der richtige war. Der Wandel, der sich nun in ihrem Innern vollzog und die direkte Auseinandersetzung mit therapeutischem Wissen halfen ihr, sich selbst aus dem Burnout zu befreien und eine neue berufliche Richtung einzuschlagen. Seit November 2018 betreibt Tamara Wetli nun ihre eigene Praxis mit breitgefächertem Therapieangebot für Menschen. Die Idee, auch Tiere in ihr Berufsleben einzubeziehen, ist relativ frisch. Doch der achtsame Umgang mit Tieren war ihr schon immer ein besonderes Anliegen, weshalb sie sich auch teilweise vegan ernährt.


Das Logo von Tamara Wetlis Gesundheitspraxis (Quelle: tawego.ch)

Dank ihrem grossen Verständnis für die verschiedensten Lebensthemen eines Tieres und dem Resultat im Stressdiagramm ist es für sie ein klarer Fall: Max hat Hierarchieprobleme, weil die vorgängige «Besitzerin» des Reviers «Mamediesli» verstorben ist. Er muss sich an die neue Situation gewöhnen, dass er jetzt einfach da sein darf und nicht um seinen Platz «kämpfen» muss. Der nächste Schritt, den Tamara nun angeht, ist die Suche nach einem geeigneten Mittel, das den jungen Kater in seinem Befinden helfen und unterstützen kann. Tamara geht eine Liste von Therapiemöglichkeiten durch und testet, bei welchem davon der Armmuskel der stellvertretenden Person am meisten Widerstand bietet und weiss dann, welches die geeigneten Varianten sind. Bei ihren Kunden macht sie entsprechende Vorschläge, welche die Halter dann umsetzen können oder nicht. Dieser Entscheid bleibt immer in der Verantwortung der Halter.

Der Kater Max (Quelle: Tamara Wetli)

Blick in die Zukunft

Tamara hat ein klares Ziel im Leben: Den Menschen und Tieren helfen, Freude im Leben zu finden und ihre Gesundheit wahren zu können. Glücklicherweise wurde ihr ein Talent in die Wiege gelegt, das sie auf ihrem Werdegang bis an diesen Punkt geleitet hat.

Eine «unangenehmere» Aufgabe der Kinesiologin ist die Sterbebegleitung bei psychisch und physisch zu stark angeschlagenen Tieren, bei welchen schon 6 und mehr Meridiane betroffen sind. Sie äussert sich dennoch klar:
« 1. Priorität hat die Freude, langes Leiden hat keinen Sinn». Letzten Endes liegen solche Entscheidungen beim Besitzer oder der Besitzerin. Hier dürfen sie auf die phasengerechte Begleitung bis zum Ableben ihres geliebten Tieres zählen.

Die Vorgehensweise steht nun fest: Max wird mit Bachblüten-Tropfen versorgt. Diese können über Internet in tiergerechter Form (alkoholfrei) bezogen werden oder auch in spezialisierten Tiershops.

Wird es ein Wiedersehen geben?
Manche Behandlungen sind schon nach einer Sitzung erfolgreich andere brauchen eine längere Begleitung durch Tamara Wetli. Gewiss ist, hier in dieser Praxis fühlt sich jeder Mensch und jedes Tier geborgen und willkommen. Beim Öffnen der Türe strömt die Wärme des Raums, der wie eine kleine Oase im stürmischen Meer wirkt, durch die Schwelle in die nasse Kälte dieses trüben Samstags hinaus.